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AOK, MEDI und Hausärzteverband: Neue Hausarztversorgung in Baden-Württemberg

Vertragsarztrecht

AOK, MEDI und Hausärzteverband: Neue Hausarztversorgung in Baden-Württemberg


Der Vertrag der AOK Baden-Württemberg mit Hausärzteverband und MEDI ist perfekt. Damit wird ein neues Kapitel in der Hausarztversorgung in Baden-Württemberg aufgeschlagen, das nach unserer Einschätzung sämtliche KVen unter Druck setzen wird, wenn sich das Modell bewähren wird.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt sprach von einem "Durchbruch in der Hausarztversorgung". Die Reaktion verschiedener Ärzteverbände auf den neuen Hausarztvertrag in Baden-Württemberg ist dagegen eher kritisch-abwartend. „Wir werden uns den Vertrag genau anschauen und klären, was in den Pauschalen alles enthalten ist, die Medi, der Hausärzteverband und die AOK Baden-Württemberg ausgehandelt haben“, sagte der Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesverenigung (KBV).

Die AOK setze nach Ausschreibung und Monaten intensiver Verhandlungen als erste Krankenkasse in Deutschland die Möglichkeiten des GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes umfassend um, direkt mit Ärzteverbänden Umfang, Inhalte und Vergütung der hausärztlichen Versorgung zu vereinbaren.

Der Vertrag schafft eine völlig neuartige, qualitätsgesicherte Hausarztversorgung. "Mit diesem Vorgehen modernisieren wir gemeinsam mit den Partnern die hausärztliche Versorgung in unserem Bundesland. Qualitätsvolle, zielgenaue Versorgung unserer Versicherten bei besserer Vergütung für die Ärzte waren die Leitgedanken. Am Ende profitiert gerade der Patient davon, weil wir das ganze System von unnötiger Bürokratie befreien", so Dr. Rolf Hoberg, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, am 08.05.2008 in Berlin.

Ärzte und Versicherte können sich ab Juli 2008 einschreiben: "Die Teilnahme am AOK-Hausarztprogramm ist freiwillig. Für Versicherte, die sich einschreiben, beginnt das Programm dann vom folgenden Quartal an zu laufen. Die Bindung an den gewählten Hausarzt soll auf jeden Fall für zunächst zwölf Monate bestehen", bestätigt Hermann.

Wer sich für das AOK-Hausarztprogramm entschieden hat, kann im Notfall jeden beliebigen Arzt oder Notdienst in Baden-Württemberg aufsuchen. Gleiches gelte im Urlaub oder für die Notfallversorgung außerhalb Baden-Württembergs. Für Ärzte und Patienten, die nicht am AOK-Hausarztprogramm teilnehmen, läuft alles weiter wie bisher.

Der neue Vertrag soll neben der Versorgungsqualität der AOK-Versicherten in Baden-Württemberg auch die Wirtschaftlichkeit verbessern helfen. Hausärzte, die sich in das neue AOK-Hausarztprogramm einschreiben, müssten ihre Rolle als Lotse auch tatsächlich wahrnehmen: "Er muss die Behandlungsabläufe immer wieder prüfen und wenn notwendig verbessern, das reduziert den zeitlichen und finanziellen Aufwand. Außerdem sind künftig mehr Service-Leistungen wie Abendsprechstunden bis 20 Uhr für Berufstätige vorgesehen", so Hoberg weiter.

"Wir haben die Abrechnungsmodalitäten so einfach konstruiert, dass sie auch auf einen Bierdeckel passen würden", so Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvize der AOK Baden-Württemberg. Für den Arzt beginnt auch beim Honorar eine neue Zeitrechnung mit festen Eurobeträgen und wenigen übersichtlichen Regelungen: Behandlungspauschalen, Qualifikationszuschläge und ergebnisabhängige Vergütungsbestandteile, etwa für das Erreichen einer bestimmten Impf- oder Check-up-Quote. Hermann: "Damit können Hausärzte einen durchschnittlichen Behandlungsfallwert von bis zu 80,00 Euro im Quartal erreichen. Gegenüber den heute in Baden-Württemberg üblichen Werten eine deutliche Steigerung."

Dafür übernehmen die Ärzte die Verantwortung für eine gleichermaßen qualitätsvolle wie wirtschaftliche Versorgung der AOK-Versicherten. Sie werden hierbei intensiv unterstützt, etwa durch IT-gesteuerte Informationen über effiziente Verordnungsalternativen, insbesondere bei Arzneimitteln sowie durch regelmäßigen Erfahrungsaustausch in "strukturierten Qualitätszirkeln" mit besonders geschulten Moderatoren, in denen ärztliche Leitlinien besprochen und die individuelle Verordnungspraxis umfassend gemeinsam mit Arztkollegen erörtert werden.

Die AOK erwartet laut Hermann, dass bis Ende 2009 mindestens eine Million ihrer Versicherten und 5000 Hausärzte in Baden-Württemberg dabei sind: "Mit einer Mindestlaufzeit des Vertrages von fünf Jahren bieten wir unseren Versicherten und den Ärzten eine solide Perspektive für eine sorglose hausärztliche Versorgungszukunft im Südwesten."

Dass die AOK Baden-Württemberg im weiteren auch auf die Zusammenarbeit mit der KV setzt, bestätigt Vorstandschef Hoberg: "Der Notfalldienst oder die Sicherstellung des sogenannten Fremdkassenzahlungsausgleichs sind nur einige der weiterhin gemeinsamen Themen. Hier geht es um Versorgungssicherheit, bei der alle Beteiligten an einem Strang ziehen müssen."

Hintergrund
KANZLEI FÜR MEDIZINRECHT: AOK schreibt als erste Krankenkasse die hausärztliche Versorgung für Millionen Versicherte aus

Das seit 75 Jahren geltende Monopol der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) wackelt. Mit der AOK Baden-Württemberg hat erstmals eine Krankenkasse die gesamte hausärztliche Versorgung für mehrere Millionen Versicherte bundesweit im Rahmen eines Strukturvertrages zur hausarztzentrierten Versorgung gemäß § 73b SGB V ausgeschrieben. Damit wird das bestehende System der vertragsärztlichen Versorgung massiv unter Druck gesetzt.

Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) werten diesen Schritt der AOK als einen "Angriff" auf die bewährten Strukturen. Denn damit wird die Gesamtvergütung aller am System beteiligten Hausärzten gemindert.

Laut dem Vorsitzenden des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, der im Sommer ob dieses Richtungsstreites aus dem Vorstand der KBV ausschied, sehen viele Ärzteverbände in der Ausschreibung hingegen eine Chance, aus dem KV-System auszubrechen.

Der Hausärzteverband wickelt schon heute Verträge mit den Krankenkassen im Volumen von 220 Mio. Euro. Beteiligt sind ca. 40.000 Ärzte und rund 2,5 Mio. Patienten, die sich ein Jahr lang auf dieses System gebunden haben. Gerade darin sieht die KBV eine Gefahr für die freie Arztwahl. Wie die anderen Kassen reagieren werden ist, derzeit noch nicht abzusehen.

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